Weihnachten Neuseeland
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Weihnachten Neuseeland

Weihnachten am anderen Ende der Welt

Tausende von Menschen sitzen am Straßenrand, auf Klappstühlen, Bänken und Decken auf dem Boden. Kinder laufen kreischend durch die Menge und legen sich auf den von der Sonne erwärmten Asphalt. Polizisten sperren die Straßen ab und leiten den Verkehr um. Auf der Queen Street ist kein Durchkommen mehr. Aufregung und Unruhe liegen in der Luft. Dann endlich der erlösende Startschuss. Jingle Bells erklingt und eine Truppe Musikanten in grünen Uniformen marschiert um die Ecke die Straße herunter. Kinderaugen beginnen zu leuchten. Die alljährliche Weihnachtsparade hat begonnen. Lächelnde Mädchen in roten Kleidern verteilen Luftballons, Zuckerstangen und Lutscher. Nach den Tuba- und Trompetenspielern folgen bunte Geschenkewagen, die Weihnachtsmusik aus großen Lautsprechern spielen, Feen, die in rosafarbenen Kleidern die Straße entlang tanzen, Eisbären, die aus dem Auto winken, noch mehr Musikanten in Schottenröcken, Menschen in bunten Kostümen auf Stelzen und zum Schluss – der gute alte Weihnachtsmann.

Zwischendurch laufen junge Leute vorbei, die entweder Spenden einsammeln oder großzügig Süßigkeiten, Fähnchen und Sticker verteilen. Nicht nur Kinder strecken da die Hand aus. Auffällig viele Erwachsene laufen mit Weihnachtsmützen und Luftballons herum. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen, Rentner lachen neben Studenten und gemeinsam winken sie den vielen Schaustellern zu. Ein Anblick, wie ihn sich der Weihnachtsmann wünscht.

In Deutschen mag der Anblick der Parade durchaus Erinnerungen an die Heimat wecken, wirkt die Veranstaltung doch wie ein Fastnachts- oder Karnevalsumzug. Auch davon abgesehen ist Weihnachten auf der anderen Seite der Welt nicht selten ein Ereignis mit großem Heimweh-Faktor. Kaum ein anderes Fest zelebriert die Zusammenkunft der Familie so wie Weihnachten – und kaum ein anderes Fest macht daher auch die Trennung von denen, die man liebt und zu Hause zurückgelassen hat, so bewusst wie die Weihnachtsfeiertage. Generelle Tipps gegen akutes Heimweh finden sich unter anderem auf www.semester-neuseeland.com/heimweh/. Was der Sehnsucht am anderen Ende der Welt aber definitiv entgegenwirkt, ist der deutliche Unterschied zum Fest im eigenen Land. Man sollte sich das unbedingt bewusst machen: Wann kann man Weihnachten schon am Strand verbringen? Mit Sonnenbrille und in Badebekleidung? Nun gut, letzteres hat natürlich den eindeutigen Nachtteil, dass beim Essen nicht so willenlos zugegriffen werden kann – es gibt ja keine Pullover, hinter die sich der Bauch verstecken ließe. Aber bei 26 Grad im Schatten ist der Hunger natürlich ohnehin begrenzt.

Ein weiterer zentraler Unterschied ist der Feiertag an sich. Geschenke und ein großes Festmahl gibt es in Neuseeland erst am 25. Dezember, der als der eigentliche Familientag gilt. Am 24. haben viele Clubs und Bars geöffnet und so lässt sich die melancholische Stimmung einfach mit den neuen Freunden wegtanzen. Schließlich ist man ja auch in Neuseeland nicht allein, sondern unter Kommilitonen, die das gleiche Schicksal der Trennung erleiden. Weihnachten unter neu gewonnen Freunden mit verschiedenen landestypischen Spezialitäten auf dem Tisch kann schließlich auch durchaus etwas für sich haben. (Auch wenn man bei der Zubereitung der klassisch deutschen Speisen meist improvisieren und oft selbst Hand anlegen muss, da Rotkohl in Einmachgläsern den Kiwis völlig unbekannt ist und es auch Knödel in Packungen nur zu enormen Preisen gibt.)

Generell sollte man also statt zu trauern und an alten Weihnachtserinnerungen festzuhalten, das Neue genießen. Insbesondere Neuseelands größere Städte, allen voran Auckland und Christchurch, bieten hierfür hervorragende Gelegenheiten. Neben der Weihnachtsparade finden hier noch einige weitere Veranstaltungen zur Weihnachtszeit statt, deren Besuch sich lohnt und schlechte Laune vertreibt. Herausragend ist das große „Christmas in the Park“-Festival, das zwei bis drei Wochen vor Weihnachten in der Auckland Domain stattfindet und auch in Christchurchs Parkanlagen zelebriert wird. Mittelpunkt der Veranstaltung ist die riesige Bühne, die speziell für dieses Fest aufgebaut wird, und auf der bekannte neuseeländische Persönlichkeiten, Musiker und TV-Stars Geschichten und Lieder zum Besten geben. Darum herum aufgebaut sind Stände, die Donuts, Fritten, Hot Dogs und andere Snacks und Getränke verkaufen. Zudem veräußern junge Menschen in gelben Westen Schweizer Schokolade, Leuchtstäbchen und Weihnachtsmützen für je 2 Dollar, die dem neuseeländischen Surf Rescue Team gespendet werden.

Der Andrang ist jedes Jahr riesig, vor allem bei gutem Wetter. Daher sollte man sich darauf einstellen, mindestens zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung (um 7.30pm) einzutreffen. Zudem ist es unbedingt zu empfehlen Decken, Essen und Getränke (an diesem speziellen Tag ist sogar das Mitbringen von Alkohol in die Domain erlaubt) für ein Picknick mitbringen. Das ist nämlich wesentlicher Bestandteil der „Christmas in the Park“- Veranstaltung und wird vor allem von den Einheimischen groß mit Klappstühlen, Zelten und Kühlboxen voll mit Früchten, Keksen und Sandwiches zelebriert. Kurz vor Beginn der Veranstaltung ist die riesige Auckland Domain dann mit Menschen übersät und es gibt kaum einen Fleck mehr, auf dem nicht ein in weihnachtlicher Vorfreude lächelnder Kiwi oder Tourist sitzt.

Um circa 10 Uhr wird schließlich der große Weihnachtsbaum „angezündet“, mit anderen Worten, ein Kind aus dem Publikum drückt auf den Knopf einer überdimensionalen Fernbedienung und die unzähligen, in unterschiedlichen Farben funkelnden Lichter gehen an. Kurz darauf taucht ein riesiger Wagen, auf dem der Weihnachtsmann mit seinen Rentieren sitzt, sowie 30 anderen Menschen aus unterschiedlichen Nationen in ihren traditionellen Kleidern stehen, wie aus dem Nichts auf und winkt der jubelnden, mittlerweile ausgelassen feiernden und singenden Menge zu. Abschließender Höhepunkt ist das gigantische Feuerwerk, das mit dem „All stars“ Schlusslied eingeleitet wird und nicht nur Kinderaugen zum Strahlen bringt. Der Weihnachtsmann ermahnt noch zu ordentlichem Verhalten und einem geregelten Verlassen der Domain, dann ist auch schon alles wieder vorbei.

Weitere kleinere Veranstaltungen umfassen das Beleuchten des gigantischen Telecom-Baumes, der in Auckland und Wellington aufgestellt wird und mit tausenden von Glühbirnen enorme Stromkosten verursacht, das Beleuchten des Sky Towers, das jedes Jahr im Fernsehen angekündigt wird und offiziell die Weihnachtszeit einläutet, oder das Enthüllen des gigantischen Weihnachtsmannes samt Rentiere am Farmer’s-Komplex auf der Queen Street. Aber auch für Weihnachtsmuffel gibt es in und um Auckland herum (und selbstverständlich auch in anderen größeren Städten Neuseelands) unzählige Veranstaltungen, die die Feiertage schnell vergehen lassen, wie das Food and Wine Festival in Devonport oder das Erdbeerfest in CBD, Bands at the Beach Festivals und vieles mehr. Schließlich wird jeder feststellen, dass Weihnachten am anderen Ende der Welt zwar ungewohnt aber gar nicht mal schlecht ist. Wann hat man sonst noch mal die Gelegenheit, lustige Nikolausmützen-Fotos am Strand zu machen und rot blühende Pohutukawas mit Zuckerstangen zu behängen? Einzigartig neuseeländisch!